Dobermann - Rescue HUNGARIA e.V. Tierschutz in Ungarn ...
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Ungarnfahrt März 2010

Sample ImageIn der Zeit vom  12. bis 14. März waren wir wieder unterwegs in Ungarn. Begleitet wurde ich zum ersten Mal von Frau Barbara Dehn (Hundeschule Dehn), die uns in Zukunft auch als Team-Mitglied zur Seite stehen wird. Frau Dehn war auch so freundlich, den Bericht für uns zu schreiben - aus ihrer persönlichen Sicht. Dafür vielen Dank!

Reisetagebuch, 12. März bis 15. März 2010

Vorgeschichte

Wir kennen uns aus meinem Aggressionshund-Forum, Sabine Winklmann und ich. Irgendwie verstanden wir uns sehr schnell sehr gut, und irgendwann ließ ich fallen, daß ich ihr Engagement für den Tierschutz in Ungarn bewunderte. Ich äußerte die vorsichtige Absicht, Sabine einmal auf einer ihrer Reisen begleiten zu wollen, zu Beginn allerdings eher mit dem Gefühl, daß das wohl kaum je klappen würde, der Kosten wegen und auch, weil ich nicht gewußt hätte, wohin mit meinen „Jungs“, Ben, dem Bardino-Labrador-Mix aus Fuerteventura und Seppl, dem Osnabrücker Tierheimhund.

Ich war baß erstaunt, als mich Ende Februar eine „PN“ (eine „persönliche Nachricht“ in meinem Forum) erreichte, in der Sabine mich einlud, Mitte März Moritz abzuholen, den Dobermann, den sie selbst aufnehmen wollte, nachdem ihr Martin viel zu jung gestorben war.

Wir telefonierten lange, und dann stand fest: Ich würde Seppl zum Hundesitter geben und Ben mitnehmen, er sollte auf dem Rückweg hundliche Stütze für einen sehr ängstlichen Dobermann sein, der in der zweiten meiner Hundeboxen mit mir zurück nach Deutschland reisen würde.

Als ich kurzfristig in die Verlegenheit kam, mit Ilias, einem Hund, zu dem mich mein Weg im Auftrage einer Tierschutzorganisation geführt hatte, die in Griechenland ihr Möglichstes tut, um einen Umdenkungsprozeß in Sachen Hundehaltung herbeizuführen, einen Pflegehund zu mir nehmen zu müssen, sah ich meine Beteiligung zunächst in weite Ferne rücken. Doch mit Hilfe meiner besten Freundin war es möglich, Seppl und Ilias gemeinsam hüten zu lassen, dem „Projekt“ stand also nichts mehr im Wege.

Ich war erleichtert, denn mich dem Blick auf das Elend zu stellen, war und ist mir ein wirkliches Anliegen. Ich glaube, wer in Sachen Auslandtierschutz etwas erreichen will, der muß einfach wissen, was sich in ausländischen Tierheimen und Tötungsstationen, auf Straßen und in der Hundehaltung wirklich abspielt und zwar jenseits aller öffentlichen Verlautbarungen, aber auch jenseits der „Tränendrüsenstories“, mit denen so manche Hilfsorganisation „Meinung macht“.


Hinfahrt

Freitag, 12. März 2010

Um 5 Uhr morgens ist es soweit: Hundesitter August, der liebste aller Detmolder Bäckermeister und mein bester Freund, reibt sich verschlafen die Augen, als ich Seppl und Ilias bringe. Wir reden nicht viel, er will sich mit den beiden Jungs auf die Couch legen, wenn ich weg bin. Ich habe einen Kloß im Hals und sehe, daß ich die Wohnung verlasse, damit möglichst schnell wieder Ruhe einkehrt, ich vermisse die beiden Rabauken jetzt schon.

Um halb sechs bin ich auf der Autobahn, mein Ziel ist zunächst Passau, wo ich mich mit Sabine treffen will, auf dem Rasthof Donautal soll um 12.30 Uhr noch einmal getankt werden, bevor es dann über die Grenze nach Österreich geht.

Um halb 11 bin ich da. Der Verkehr war bis dahin zu ertragen gewesen, obwohl auf der A8 ein böser Unfall gemeldet war, 30 oder 40 PKW und LKW waren ineinandergekracht, die Autobahn ist voll gesperrt. Ich danke meinem Schutzengel, daß ich sie nicht passieren muß, wir fahren zum Glück die A3.

Während ich im Rasthof Kaffee trinke, rufe ich Zuhause an, der Bericht über das Wohlbefinden der Hunde, genauer das von Ilias, erschreckt. Mein Kleiner zeigt die Angst, die er bei mir nicht zeigte, von der aber seine erste Familie und auch die Pflegestelle berichtet hatten. Ich organisiere mit Hilfe meiner Tierärztin, die Ilias glücklicherweise zwei Tage zuvor kennengelernt hatte, medizinische Hilfe. Ein Angstlöser und ein Medikament, das etwas ruhigstellen soll, wird organisiert.

Sabine trifft ein, wir reden nur das Nötigste, was während der ganzen Reise so bleibt und höchst angenehm ist. Sabine ist kein Mensch überflüssiger Worte, wir verstehen uns auch so, und ich bin sowieso stockheiser und kriege kaum einen gerade Ton raus.

Während wir durch Österreich fahren, telefoniere ich mit Detmold. Die Medikamente helfen, Ilias geht es besser, Erleichterung. Ich bin etwas beruhigt und kann die Eindrücke aufnehmen, die mich umgeben. Die Radioprogramme, die wechseln, die Landschaften, die an uns vorbeifliegen – ich lasse die Gedanken laufen, noch habe ich Sinn für sie.

Am frühen Nachmittag passieren wir die ungarische Grenze. Das erste, was mir auffällt, ist die unglaubliche Menge an Werbung, die überall zu sehen ist. An jedem Straßenrand stehen riesige Tafeln, die auf die Präsenzen so ziemlich aller großer Firmen hinweisen, die auch in Deutschland ihre Fillialen haben. Es scheint fast, als ob Wälder in Ungarn nicht aus Bäumen, sondern aus Schildern, Plakaten und Kleister bestehen.

In Budapest angekommen, fahren wir den „Tesco“ an, um unsere Vorräte aufzustocken. Sabine rät dringend davon ab, irgendwo Essen zu gehen, in den meisten Lokalen gibt es nur ungarische Speisekarten, keiner von uns versteht die Sprache, was kontraproduktiv ist, weil einige Kreationen der lukullischen Welt des Balkans etwas abenteuerlich sind, Sabine wie Sabine berichtet. Auf Abenteuer à la „Schweinebraten mit Marzipansoße“ hat keine von uns Lust, also bunkern wir Fast-Food. Tatsächlich sind im Tesco alle namhaften Anbieter, von McDonalds über Kentucky Fried Chicken und Burger King für die Menschen und den unvermeidlichen Freßnapf für die Hunde. Auch in Ungarn gibt es also einen Markt für Hundezubehör, denke ich bei diesem Anblick, da kann es um den Tierschutz doch gar nicht so schlecht bestellt sein, rede ich mir ein.

Schon am Abend werde ich eines Besseren belehrt. Ich lerne Orlando kennen, den Dobermann, den ich mit nach Deutschland nehmen soll. Er zeigt deutlich, was er von Menschen hält, der riesige Hund schrumpft bei jeder Bewegung, die auf ihn zukommt, zusehends, er zieht den Kopf ein und weicht aus soweit er irgendwie kann. Mit Ben allerdings versteht er sich zum Glück auf Anhieb, während die beiden sich beschnüffeln, male ich mir aus, was dieser arme Kerl erlebt haben muß, um solche Angst zu haben.

Unser Hotel liegt in einem Viertel, in dem es fast nur Einfamilien-Häuser gibt. Sie sind schmuck, auch das Hotel ist es von außen beinahe pompös. Doch schon seine Wahl verrät einiges über die Einstellungen der Ungarn zu Hunden. Denn das Haus, in dem wir absteigen, war das Einzige, das mich mit Ben überhaupt aufnehmen wollte, normalerweise bezieht Sabine eine andere Unterkunft, der Geruch nach süßem Parfum und Schweiß, der über dem Hotel liegt, sagt auch, warum.

Wir checken ein. Uff, wenigstens im Zimmer stinkt es nicht ganz so schlimm. Allerdings sind die sanitären Anlagen nicht wirklich gut in Schuß, in Sabines „Naßzelle“ finden wir sogar Schimmel. Brrrr, kein guter Einstieg. Zum Glück sind wir so müde, daß wir nicht weiter darüber nachdenken können.

Bevor ich ins Bett gehen kann, muß ich mit Ben einen nächtlichen Spaziergang unternehmen. Er gleicht einem Spießrutenlaufen. Hinter jedem Zaun kläffen ein, zwei oder drei Hunde, keiner von ihnen darf ins Haus, keiner von ihnen ist kleiner als ein Schäferhund, die meisten sind Dobermänner, Rottweiler oder ihre Mixe, will mir scheinen. Ich bin froh, daß Ben an meiner Seite und mit viel Leckerchen kein Interesse an ihnen bekundet, trotzdem tut es mir wegen des Lärms leid, den wir allein damit verursachen, daß Ben ja nun einmal „muß“ und wir die Grundstücke passieren.

Zurück im Hotel schalte ich kurz den Fernseher ein. Der erste Sender, der erscheint, ist RTL. Auf Deutsch. Na dann, gute Nacht, Marie, denke ich und kuschele mich an Ben, während ich einschlafe.


Ein Tag in der Hölle

Samstag, 13. März 2010

Es wird ernst. Nach einem wenig schmackhaften Frühstück und dem „Genuß“ eines Morgenkaffees, der definitiv auch als Mordversuch durchgehen kann, wartet Agnes auf uns. Die resolute Ungarin koordiniert auf ungarischer Seite, was für eine reibungslose Arbeit der Dobermann-Rescue nötig ist. Sie ist mir sofort sympathisch, auch sie scheint ein eher zupackender Typ zu sein, von dem ich mir gut vorstellen kann, daß man ihn nicht gerne zum Gegner haben würde. Die Dame verfügt über Durchsetzungskraft, definitiv. Wir sprechen Englisch. Soweit ich wegen meiner Heiserkeit überhaupt Laute bilden kann, macht es Spaß, meine Herzenssprache endlich mal wieder nicht nur zu lesen.

Mit von der Partie ist Agnes’ Partner Attila. Sein Name trügt. Er ist ein ruhiger, zurückhaltender Mensch, von dem ich aber nicht viel mitbekomme. Im Konvoi fahren wir in eins der Tierheime, mit denen die Dobermann Rescue Hungaria zusammenarbeitet, es wird ernst. Ich versuche, meine Seele zu wappnen, während es über Stock und Stein geht, bevor wir ein paar Bretterbuden erreichen. Das soll das Tierheim sein? Ich kann es kaum glauben.

Während die anderen die zahlreichen Futterspenden ausladen, sehe ich mich um. Ich gehe an den Zwingern entlang, die man eigentlich gar nicht Zwinger nennen kann. Kläffende Hunde drängen sich an die Drahtgitter der Verschläge, ich sehe keinen einzigen kleinen Vierbeiner, in den notdürftig zusammengezimmerten Bretterbuden versuchen nicht selten 10 oder mehr große Hunde, Kontakt zu mir aufzunehmen.

Ob richtig oder falsch, ich habe Leckerchen eingesteckt, die ich verteile. Schnell merke ich, daß die meisten Hunde in ihren Blechnäpfen, die mich an die Soldaten-Geschirre der Wehrmacht erinnern, reichlich Futter, oder das, was hier als solches verteilt wird, haben. Die widerlich riechende Pampe ist bei fast allen eingetrocknet, die Tiere scheinen sie nur zu fressen, wenn es unbedingt sein muß. Meine Leckerchen werden von den meisten genommen. Doch viel wichtiger ist fast allen Hunden der Körperkontakt. Sie pressen sich an die Gitter, vor allem die, die alleine in ihren Käfigen dahinvegetieren.

Ich schaue genau hin, nehme alles auf und streichle und kraule, ohne darüber nachzudenken, ob überhaupt in Ordnung ist, was ich da tue. Ich folge meinem Herzen, erst Sabine bringt mich darauf, daß mein Mitgefühl den Hunden vielleicht eher schadet als nützt. Denn letztlich mache ich ihnen, wenn ich den Kontakt zulasse, im schlimmsten Fall Hoffnung in ihrer Hoffnungslosigkeit, die ich am Ende gar nicht erfüllen kann.

Es ist schwer, sich das einzugestehen. Ich wäre gerne „gut“, ich würde gerne „retten“ oder wenigstens helfen. Aber was nützt es, es mit westeuropäischer Wohlstandsmentalität zu tun? Nein, hier müssen Sinn und Verstand her, am Ende bringt das den Hunden sicher mehr als ein Tierschützer, der nicht genügend nachdenkt.

Sabine führt mich durch eine windschiefes Holztürchen. Ich soll photographieren, aber ich muß mich beeilen. Ich begreife nicht, wo ich bin. Ich sehe Hunde, die noch elender aussehen, unter noch übleren Bedingungen leben als die anderen, die „draußen“. Ich muß schlucken. Immer wieder. Ich kann es nicht lassen. Ich spreche mit den Tieren, die ich ablichte. Ich entschuldige mich bei ihnen dafür, daß ich zulasse, daß Menschen ihnen das antun. Das mag idiotisch klingen. Aber das war es, was ich fühlte.

In der Abseite, in der ich mich befinde, stinkt es schlimmer als im ganzen übrigen Lager. Die Hunde hier haben sich fast alle aufgegeben. Sie nehmen Leckerchen und Streicheleinheiten, aber sie wirken so furchtbar resigniert, daß ich nicht einmal mit ihnen weinen kann. Ich merke, wie ich mich abschalte, wie ich immer stiller werde, immer mehr in mir selbst verschwinde. Ich höre kaum, wie Sabine zur Eile ruft. Immer noch begreife ich nicht, wo ich bin. Ich gehe zurück an die Luft, Agnes zeigt mir, daß ich nicht alle Gänge des Verhaus gesehen, nicht alle Hunde angesprochen habe.

Noch einmal betrete ich die Hölle. Ich bin nur noch bei den Hunden, ich kann nicht mehr denken, nur noch fühlen und mich nur noch schämen. Ich mache letzte Photos, verteile letzte Leckerchen und gehe. Ich habe mich schuldig gemacht, jetzt in diesem Augenblick, in dem ich die Hunde ihrem Schicksal überlasse. Und ich kann es nicht ändern.

Agnes schaut mich fragend an. Vielleicht erwartet sie, daß ich losheule. Ich kann es nicht. Sie richtet das Wort an mich. Sie sagt: „And it has improved a lot“, es hat sich schon sehr verbessert. Wie, frage ich mich, mag die Hölle aussehen, wenn das schon die bessere Version ist?

Sabine fängt mich ab. Jetzt endlich bekomme ich die Erklärung. Das, was ich gesehen habe, war der Arbeitsbereich des Hundefängers, der in diesem Fall dem Tierheim angegliedert ist. Eigentlich hätte ich ihn nicht betreten dürfen, Fremde haben hier, wo Menschen, die ich kaum als Menschen bezeichnen mag, Gott spielen, wo über Leben und Tod nicht nachgedacht, aber entschieden wird, normalerweise keinen Zutritt.

Ich schaudere. Das also ist eine Tötungsstation? Eine Station? Nein, falscher kann ein Begriff kaum sein. Eine Station erweckt den Eindruck, etwas Klinisches, Sauberes zu sein. Das, was ich soeben verlassen habe, war ein Todesblock, der Vorhof zur Hölle. Wir können nur beten, daß es nicht irgendwann diese Hunde sein werden, die beim Jüngsten Gericht den Schuldspruch über uns fällen, schießt es mir durch den Kopf, ich bin nahe daran, mich übergeben zu müssen.

Ich sondere mich ab, versuche, mir klarzumachen, was mit mir vorgeht. Ich bekomme einen kühlen Kopf, ich atme ruhig und bewußt, es fühlt sich an, als ob eine eisige Hand sich um meine Seele legt und einschließt, was ich nicht begreifen, nicht verarbeiten und worüber ich nicht sprechen kann.

Noch einmal gehe ich an den Käfigen entlang. Plötzlich wirken sie freundlicher, wenigstens haben die Hunde genug Futter und Tageslicht. Ich sehe Menschen, die versuchen, sich so gut wie es geht, um die Tiere zu kümmern. Trotz aller Überforderung und obwohl die Mittel an allen Ecken und Enden mehr als begrenzt sind.

Sabine ruft mich und stellt mich einer alten Frau vor. Sie muß einiges über 70 sein und spricht Deutsch. Sie erscheint warm, mitfühlend, Sabine erklärt, daß sie die Leiterin dieses „Tierheims“ ist. Ich erschrecke. Mir wird klar, daß der Bretterhaufen mit den heruntergekommenen Hütten und den Verschlägen, aus denen selbst dickfellige deutsche Veterinärämter jeden Hund heraus beschlagnahmen würden, nicht eines der schlechten, sondern eines der guten Tierheime ist. Ich möchte mir nicht vorstellen, wie es dann andernorts aussehen mag.

Ich betrete eine der Baracken. Drei uralte „Bulleröfen“ verbreiten Wärme. Auf den Feuern sehe ich Töpfe, in den Fleisch, altes Brot und irgendwas absolut Undefinierbares zu der Pampe zusammengekocht wird, die ich in den Zwingern gesehen habe.

Es ist grauenhaft: Gabi, so heißt die freundliche alte Dame und ihre Mitarbeiter können nicht anders. Sie müssen den Hunden dieses Zeug anbieten, weil sie nichts anderes haben. Unsere mitgebrachten Futterspenden? Sie sind in Relation zu dem Hundeelend hier beinahe lächerlich, nicht einmal ein Tropfen auf den heißen Stein. Der Alltag im ungarischen Tierschutz, er sieht anders aus, trotz Freßnapf und deutscher Hilfsorganisationen ist das, was wir unseren Hunden so selbstverständlich und genau ausgefeilt zusammenstellen, hier nicht einmal annähernd Zukunftsmusik.

Meine Vorstellung von den Inhalten des Tierschutzes, sie fällt wie ein Kartenhaus zusammen. Es geht hier nicht um hehre Ziele, nicht um Ethik. Es geht ums nackte Überleben, um das Fehlen auch nur der allernötigsten Ressourcen, um die Unmöglichkeit wenigstens der minimalsten hygienischen und medizinischen Grundversorgung.

In meiner Hilflosigkeit drücke ich Gabi ein wenig Geld in die Hand. Das bißchen, das ich eben bei mir habe. Es ist nicht einmal eine Geste, es ist schiere Verzweiflung, das Bedürfnis, überhaupt etwas tun zu können.

Noch einmal drehe ich mich um, bevor ich gehe. Noch einmal sehe ich in die resignierten Augen eines der vielen Hunde, die sich sichtlich aufgegeben haben und muß mir eingestehen, daß ich nichts verhindern kann. Ich kann keinen Mut machen, ich kann nichts tun, nichts liegt in meiner Macht, jedenfalls nicht jetzt und sofort.

Innerlich gebe ich den Hunden ein Versprechen, das Versprechen, wenigstens den Versuch zu machen, mit Herz und Verstand daran zu arbeiten, daß ihre Artgenossen nicht bis in alle Ewigkeit wie sie leiden müssen, wie die, denen ich im Augenblick nicht helfen kann.

Kaum bekomme ich mit, daß wir einen der Hunde mitnehmen. Sabine zeigt mir eine hübsche Jagdhündin, die seltsam gepflegt wirkt. Ich bin paralysiert. Ich kann das Tier nicht anfassen, mich nicht interessieren, nicht kümmern. Stumm gehe ich zu meine Wagen und öffne den Kofferraum. Ben schaut mir schläfrig entgegen. Ich vergrabe meinen Kopf in sein Fell und habe immer noch keine Tränen. Es geht weiter, es muß weitergehen. Ich folge den anderen Autos.

Der Zwischenstopp, den wir dann machen, sollte eigentlich der zentrale Moment dieser Reise sein, ein Highlight gegen das Elend.

Wir steuern eine Tierklinik an, in der wir die Hündin, die wir mit genommen haben, unterbringen werden. Der junge Tierarzt untersucht sie, während Agnes mich fragt, wie wir sie taufen wollen. Spontan sage ich: „Hope“ – Hoffnung.

Wir laden Decken und andere Hilfsgüter aus, anschließend geht es in den Garten, zu den Dobermännern, die hier in hellen, freundlichen, modernen Zwingern untergebracht sind. Der Gegensatz zum vorher Gesehenen könnte größer kaum sein.

Ich photographiere, aber jetzt, im Rückblick, merke ich, wie wenig ich tatsächlich aufnehme. Am Rande bekomme ich mit, daß Sabine sich gegen Moritz, den Dobermann, den sie eigentlich hatte nach Hause holen wollen, entscheiden muß. Er ist schlecht mit Artgenossen verträglich, bei Sabine warten jedoch zwei Hündinnen in mittlerweile passablem Alter, den sie einen so wehrsamen Jungspund nicht zumuten kann.

Ihre nächste Wahl fällt spontan auf Unkas, der tatsächlich so etwas wie ein letzter Mohikaner ist, wie Sabine mir erzählt, da der Züchter, von dem er stammt, das Vermehren von Dobis zum Glück mittlerweile aufgegeben hat.

Wie Moritz ist auch Unkas erschreckend dürr. Trotzdem geht er auf uns Menschen offen und freimütig zu. Im Gegensatz zu Orlando, den ich tags zuvor erlebt hatte, wirkt Unkas wie der Ausbund der Fröhlichkeit, trotzdem kann er nicht mit uns zurückreisen. Noch ist er nicht reisefähig, ein ekliger Durchfall quält den ohnehin schon unterernährten Hund, der zunächst noch ein wenig gepäppelt und den „Dünnpfiff“ loswerden muß, bevor Sabine ihn ihren beiden Hundedamen präsentieren kann.

Wir wechseln noch einige Worte mit dem Tierarzt und seiner Helferin, dann ist das Programm für diesen Tag absolviert. Im Forum hatte Sabine davon geschrieben, mir ein wenig etwas von Budapest zeigen zu wollen. Schnell kommen wir überein, daß keiner von uns der Sinn danach steht. Sabine muß Schlaf nachholen, den sie in der Nacht zuvor nicht ausreichend gefunden hatte, ich brauche Ruhe, um mit den Eindrücken fertigzuwerden, die mich quälen wollen. Wir füllen im „Tesco“ noch einmal unsere Vorräte auf und verschwinden dann auf unseren Zimmern. Mit meinen Gedanken und Gefühlen allein, verbringe ich den Rest des Tages und weite Teile der Nacht damit, den Schmerz daran zu hindern, von meiner Seele Besitz zu ergreifen. Ich schalte mich ab, so gut es geht, Schlaf finde ich trotzdem kaum.


Rückreise

Sonntag, 14. März 2010

Mit jeder Minute, die ich wachliege, wächst das Gefühl, mich tatsächlich auf einem Trip „einmal Hölle und zurück“ zu befinden. Nach beinahe vollständig durchwachter Nacht fällt es mir nicht schwer, um kurz nach 6 in der Vorhalle des Hotels zu sein. Ich gehe kurz mit Ben, Sabine und ich packen ein, und dann ist auch schon Agnes da.

Wir fahren eine Tierpension an, in der einige der Hunde, die die Dobermann Rescue Hungaria in ihrer Obhut hat, untergebracht sind. Die ersten Hunde werden in Sabines Van geladen, dann geht es zu der Pflegestelle, auf der Orlando wartet. Tränen fließen, Orlandos Pflegemutter fällt der Abschied ungeheuer schwer. Der große Dobi wird in die Box hinter Ben gehoben und versucht von da an alles, um bloß nicht aufzufallen. Während der Fahrt höre ich von beiden Hunden nichts, wir fahren so gut wie ohne Pause, damit die Vierbeiner nicht länger als unbedingt nötig in den Boxen bleiben müssen, einzig eine Pinkel-Pause für uns und ein Tankstopp sind drin.

Ich spüre, wie ich anders wahrnehme. Hatte ich auf der Hinfahrt am Freitag noch Eindrücke aus der stetig wechselnden Umgebung aufgesogen, hatte ich jetzt keinerlei Blick mehr dafür. Meine Gedanken konzentrierten sich auf das Autofahren und die Vorfreude, Seppl und Ilias am Abend wieder in die Arme schließen zu dürfen. Das tags zuvor Erlebte verdrängte ich so gut ich konnte.

Irgendwann, als wir die ungarisch-österreichische Grenze passiert hatten, rief ich Sabine, die im Van vor mir fuhr, an und bat, Gas geben zu dürfen. Ich wußte den Weg, und ich mußte tun, was mir oft hilft, wenn ich an ein Gefühl nicht herankomme, schnell Auto fahren. Mit der Tempoaufnahme wurde es tatsächlich etwas leichter, zu denken. Allerdings überlegte ich einzig, wie es nach meiner Rückkehr nach Detmold ganz konkret weiterlaufen würde, denn ich meinen vierbeinigen Fahrgast ja noch in sein neues Heim in Ostfriesland zu überführen, das jedoch nicht noch am selben Tag, weil das Zusammentreffen mit der bereits im Haus lebenden Hündin bei Tageslicht erfolgen sollte.

Orlandos Ankunft im neuen Zuhause

Montag, 15. März 2010

Nachdem Orlando die Nacht verbracht hatte, schafften es meine Jungs, Ben, Seppl und Ilias, am frühen Montagmorgen mit vereinten Kräften endlich, ihn aus seiner Höhle zu locken und an den nächsten Busch zu lotsen, den er, sichtlich erleichtert, gute fünf Minuten lang „wässerte“.

Soweit, so gut, es konnte weitergehen, ab auf die nächste Autobahn, diesmal gen Norden. In der Nähe von Emden warteten liebevolle Menschen, die dem höchst traumatisierten Orlando, der übrigens definitiv der schönste Dobermann ist, den ich je gesehen habe, eine Heimstatt geben wollten, in der ihm viel Geduld und Liebe, aber kein Druck, entgegengebracht werden würde.

Mit an Bord jetzt: Vier Hunde, drei aus dem Auslandstierschutz, einer aus einem deutschen Tierheim.

Während der Fahrt begannen die Gedanken, wieder zu kreisen. Am Abend zuvor hatte ich auf die interessierten Fragen meiner beiden „Hundesitter“ kaum antworten, geschweige denn etwas erzählen können. Viel zuwenig war verarbeitet, die Retrospektive, die inneren Bilder, verweigerte meine Seele nachhaltig. Einzig der Dobermann, den ich „im Gepäck“ hatte, gemahnte an das Grauen, das ich gesehen hatte. Ich fragte mich, wie dieses imposante Tier, das sich Menschen, hätte es gewollt, ganz sicher höchst eindrucksvoll hätte vom Leib halten können, dazu kommen konnte, trotz aller Qualen „nur“ Angst zu zeigen, nie Aggression, schon gar keine Beißabsicht.

Ich sehe Orlando immer noch vor mir: In die Ecke der Box gedrückt, dann an die Mauer, als er endlich draußen war. Zusammengesackt versuchte er, sich so klein wie irgendwie möglich zu machen, seine Augen erfüllt mit Angst.

Als wir in der Nähe von Emden ankamen, wartete seine neue Familie. Es waren jedoch nicht die Menschen, die ihn den eingezäunten Garten betreten ließen. Es waren meine drei Hunde und Erna, die ebenfalls über Dobermann-Rescue/Tierheim Borkum  vermittelte Hündin, die ihm dazu verhalfen, wenigstens über diesen Schatten springen zu können.

Für Momente bewegte er sich auf dem gepflegten Zierrasen einigermaßen neugierig, bevor er sich wieder verkroch. Unter einer ziemlich riesigen Dornenhecke hatte er ein Loch entdeckt und es sich zur Höhle gewählt und war nur mit sanfter Gewalt und mittels eines wagemutigen Einsatzes meinerseits und des mich tapfer begleitenden Herrn Ben, dazu zu bewegen, wieder aufzutauchen.

Wir bugsierten den willenlosen Hund ins Wohnzimmer, legten ihn in ein Körbchen, das das seine werden sollte. Wie ein nasser Sack hing Orlando auf dem Arm seines neuen Herrchens, fragend beobachtete Erna das Schauspiel, sie schien nicht recht zu begreifen, was sich hier abspielte, beinahe noch weniger als Orlando selbst.

Es ist dieser Anblick, der des sich in sein Schicksal ergebenden Dobermanns, der mir immer noch in der Seele wehtut. Der Schmerz, der mich bei den Gedanken an Orlando nach wie vor trifft, sagt mir, was es nun zu tun gilt. Bisher hatte ich mein Engagement im Auslandstierschutz damit bewenden lassen, zwei oder drei Patenhunde zu haben, in zwei Tierschutz-Organisationen, die ich für seriös halte, Mitglied zu sein und auch mal als Trainer zur Verfügung zu stehen, wenn ein Hund Probleme macht, die mit seiner Vergangenheit zu tun haben.

Das wird sich jetzt ändern.

 
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