Mit leichten Abwendlungen

Karl Wendl ist Bild.de-Kolumnist und schreibt seit gut zwei Jahren über nichts Geringeres als "die Zusammenhänge der Weltpolitik". Schließlich ist Wendl viel herumgekommen: Kriegsreporter in Bosnien und im Irak war er, in Österreich langjähriges Mitglied der Chefredaktion der Wiener Info-Ilustrierten "News" und zwischenzeitlich auch mal Auslandschef bei Springers "Welt am Sonntag". 1998 spürte er (für "News") den österreichische Millionenbetrüger Wolfgang Rieger in den Bergen vor Nizza auf, zehn Jahre später traf er (für "Bild") Margot Honecker in Nicaragua; er interviewte Radovan Karadczic (für "News") und Al Gore (für "Bild"). Für "Bild" beantwortete er im US-Wahlkampf u.a. auch "die wichtigsten Fragen zum 'schwarzen Kennedy'" und andere ("Der Fluch der Kennedys: Was hat das Schicksal bloß gegen diesen Clan?", "Ist der Krieg im Irak am Ende doch ein Erfolg?").

Die "FAZ" nannte Wendl mal einen "Vollprofi".

Schlagzeilen macht Wendl jedoch zuletzt vor einem Jahr, als ihn der US-amerikanische "Star-Kolumnist und Pulitzer-Preisträger" Jim Hoagland "in der renommierten 'Washington Post', größte Tageszeitung der amerikanischen Hauptstadt"Äh, Quatsch! Schlagzeilchen machte Wendl zuletzt vor zwei Jahren, als sich "News" (die er 1992 mitgegründet hatte) kurzerhand von ihm trennte. Der Vorwurf damals: In der deutschen Ausgabe der Zeitschrift "Vanity Fair" war zu einigen umstrittenen Fotos des österreichischen Ex-Ministers Karl-Heinz Grasser ein Grasser-Portrait gedruckt worden, das Wendl ohne Rücksprache mit seinem Arbeitgeber für das deutsche Magazin verfasst hatte. Die "Zeit" schrieb dazu:

Das ist schon mal schlecht. Noch schlechter ist aber, dass die im Artikel verwendeten Zitate von [Grasser] aus diversen anderen Interviews zusammengesucht waren - ohne Quellenangaben.

Schlecht war das mit den zusammengeklaubten Zitaten offenbar vor allem deshalb, weil Wendls Text damit den Eindruck erwecken konnte, als habe Grasser (der laut "Süddeutsche Zeitung" Wünsche des Magazins nach einem Interview immer abgelehnt haben soll) eine gemeinsame Sache mit der "Vanity Fair" gemacht.

Nun ja.

Wenig später jedenfalls bekam Wendl dann seinen Job bei "Bild" — und eine Bild.de-Kolumne über nichts Geringeres als "die Zusammenhänge der Weltpolitik".

Darin schrieb er gestern über den arabischen TV-Sender Al Jazeera (siehe Screenshot [pdf]).

Man könnte auch sagen: Wendl schrieb ab — aus einem Artikel über den arabischen TV-Sender Al Jazeera, veröffentlicht am Vortag in der Schweizer "NZZ am Sonntag", ohne Quellenangabe oder einen Hinweis auf das "NZZ"-Original, dafür aber mit kleinen Abwendlungen ("Gaza-Krieg" statt "Gaza-Krise", siehe folgende Beispiele).

"NZZ am Sonntag" Wendls Bild.de-Kolumne
Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über die Gaza-Krise, keiner ist so populär und einflussreich in der arabischen Welt. (…) Kein anderer Sender berichtet so ausführlich über den Gaza-Krieg, keiner ist so populär und einflussreich. (…)
(…) Doch die israelische Regierung tut derzeit genau das Gegenteil. Sie sucht die Nähe zum 1996 gegründeten Sender aus dem Emirat Katar. Aussenministerin Tzipi Livni versorgte den Sender vergangene Woche mit einem Exklusivinterview. Der Oppositionsführer Benjamin Netanyahu gab sich ebenfalls die Ehre, Sprecher der israelischen Regierung und der Armee tauchen im Stundentakt zu Live-Interviews und Talkrunden auf al-Jazira auf. (…) Die Regierung in Jerusalem macht deshalb das genaue Gegenteil. Sie sucht sogar die Nähe des mächtigen TV-Kanals. Außenministerin Tzipi Livni gab dem Sender ein Exklusivinterview. Oppositionsführer Benjamin Netanyahu trat ebenfalls auf. Die Sprecher der israelischen Regierung und der Armee informieren seit Beginn der Bodenoffensive fast im Stundentakt in Live-Interviews und Talkrunden über die jeweiligen Entwicklungen.

Es sind nicht die einzigen, fast wörtlichen Übereinstimmungen. Kaum eine Info, kaum ein Gedanke in Wendls Kolumne, der sich nicht auch in der "NZZ am Sonntag"-Vorlage fände und von Wendl bloß kunstvoll auseinandergeschnippelt und neu zusammengestückelt wurde.

Aufgefallen war das alles gestern dem Chefredakteur des Schweizer Medienmagazins "Klartext", Nick Lüthi, der nicht nur in seinem Blog darüber schrieb, sondern auch Wendl um Stellungnahme zum Plagiatsvorwurf bat. Eine Antwort erhielt Lüthi nicht.

Aber seit heute ist die aktuelle Kolumne des "Vollprofis" Wendl aus dem Angebot von Bild.de verschwunden.

Nachtrag, 20.45 Uhr: Karl Wendl weist uns darauf hin, dass Nick Lüthi von ihm inzwischen eine Antwort erhalten habe. Lüthi selbst fasst sie in einem Update seines Blog-Eintrags so zusammen:

Karl Wendls Erklärung für den "Irrtum" lautet wie folgt. Er habe der Redaktion versehentlich eine "Skizze", statt des fertigen Artikels gemailt und das unfertige Stück sei dann veröffentlicht worden. Als er nach unserem Hinweis den "Irrtum" bemerkte, habe er die Redaktion umgehend angewiesen, den Text von der Webseite zu entfernen.*

*) Wir halten diese Erklärung für unplausibel, sind von Bild.de-Kolumnisten aber auch nichts anderes gewohnt.

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Suchet, so werdet ihr finden (Matthäus 7,7)

Auf der Internetseite "Catholic Google" kann man sich die Ergebnisse einer Google-Suche so filtern lassen, dass für Katholiken möglicherweise anstößige Inhalte nicht angezeigt und christlich orientierte Seiten bevorzugt ausgegeben werden.

Das Thema macht gerade die Runde und ist gestern Abend auch auf Bild.de angekommen, wo man allerdings einen entscheidendenden Aspekt missverstanden hat:

Im Internet ist die Sünde oft nur einen Klick entfernt. Wer nicht ständig in Versuchung geführt werden möchte, kann sich über den neuen Dienst CatholicGoogle.com freuen. Dort versucht Google, alle Suchergebnisse nach katholischen Grundsätzen zu filtern... (...) Wie lange der Suchmaschinen-Primus die Katholiken so unterstützt, ist offen.

Denn der Anbieter ist keineswegs Google selbst. Google bietet nur jedem die Möglichkeit, Suchen nach eigenen Vorgaben einzuschränken. Um zu wissen, dass der "Suchmaschinen-Primus" die Katholiken gar nicht "unterstützt" oder selbst "versucht", die Ergebnisse "nach katholischen Grundsätzen zu filtern", hätte Bild.de nicht einmal mitdenken, sondern nur auf das Wort "Disclaimer" auf catholicgoogle.com klicken müssen. Dort heißt es:

The site is not associated or affiliated with Google.com (…)

Mit Dank an Marcel S., Michael D., Thomas S. und spass-guru.de.

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MDR.de

Schnee von gestern

Wenn's mal wieder schneit in Deutschland, kann man aus dem Fenster schauen – oder ins Internet. Im Online-Portal des Mitteldeutschen Rundfunks steht dann:

Und natürlich zeigt der öffentlich-rechtliche MDR seinen Gebührenzahlern auch noch, wie's aussieht auf Thüringens Straßen:

Ein schönes Foto: Schnee, Glätte, behinderter Verkehr – und gerade mal vier Stunden Wochen alt, wie uns MDR.de selbst einen Link weiter beweist:

Damals, am 3. Dezember 2008, übrigens unter der Überschrift:


 
P.S.: Aber natürlich machen Schneeglätte, Streufahrzeuge und Effizienzdenken beim MDR nicht an der Thüringischen Landesgrenze halt. Im Gegenteil:

Mit Dank an den Hinweisgeber.

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Kurz korrigiert (488)

Über den Fußballverein TuS Koblenz schreibt "Bild" in echtem Sportberichterstatterdeutsch:

Koblenz (…) hat die Fühler nach Kickers-Stürmer Angelo Vaccaro ausgestreckt, der sich auf der Waldau nicht mehr wohlfühlt.

TuS-Trainer Uwe Rapolder hatte den Torjäger (5 Treffer) beim letzten Auswärtsspiel der Blauen vor der Winterpause in Paderborn (0:2) beobachtet.

Und jetzt für alle, die sich nicht mit (Drittliga-)Fußball auskennen:

  • Keine Bange, auf der Waldau, die Blauen und Kickers sind bloß gängige Synonyme (für den Fußballverein Stuttgarter Kickers), die dem Leser redaktionelle Kompetenz vermitteln sollen.
  • Keine Ahnung, wie "Bild" darauf kommt, Rapolder hätte Vaccaro beim 0:2 gegen Paderborn "beobachtet". Schließlich hat Vaccaro da gar nicht mitgespielt.

Mit Dank an Buddy für den Hinweis.

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Die Opfer, die "Bild" bringt (3)

Israelische Bomben töten keine Unschuldigen. Jedenfalls nicht in "Bild".

Man konnte das schon beim Libanon-Krieg im Sommer 2006 erleben, als "Bild" israelische Opfer doppelt zählte und libanesische gar nicht, Kritik an Israel aus ihren Berichten fernhielt, aus unüberprüften Behauptungen der israelischen Armee Tatsachen machte sowie Zeitungszitate fälschte und Angaben über Opfer manipulierte.

Jetzt führt Israel Krieg im Gaza-Streifen, und alles ist wie gehabt. Seit Tagen scheint es keine zivilen Opfer auf palästinensischer Seite zu geben, jedenfalls kommen sie in "Bild" nicht vor. Die Toten und Verletzten sind "Terroristen". "Bild" meldet heute über die ersten Folgen der israelischen Bodenoffensive:

35 Terroristen werden getötet, darunter mindestens drei ranghohe Hamas-Chefs.

Die "Neue Zürcher Zeitung" schreibt dagegen:

Bis zum Sonntagabend zählten die Palästinenser 35 Todesopfer und 130 Verletzte (…).

Es scheint, als gebrauche "Bild" das Wort "Terrorist" als Synonym für "Palästinenser" oder "Bewohner des Gaza-Streifens". Das würde erklären, warum "Bild" heute auch schreibt:

Rund 400 Terroristen sollen in den letzten neun Tagen getötet worden sein.

Wieder zum Vergleich die "Neue Zürcher Zeitung":

So zählte der Leiter der Notfalldienste im Shifa-Spital, dem grössten Spital von Gaza, am Samstag 100 Kinder und 40 Frauen unter den total 463 Todesopfern, das entspricht 30 Prozent. Die Leiterin des Uno-Hilfswerks Unrwa in Gaza, Karen Abuzeid, schätzte den Anteil ziviler Opfer auf 25 Prozent. Diese Indikatoren für zivile Opfer wären noch um eine unbekannte Zahl für männliche Tote zu erhöhen, weil unter diesen in der Eile gar nicht zwischen Kämpfern und Zivilisten unterschieden werden kann.

Vielleicht hat "Bild" aber auch einfach gerechnet: Die Nachrichtenagentur AP meldete gestern, die Zahl aller Toten sei "auf mehr als 500, darunter mindestens 100 Zivilpersonen" gestiegen. Macht für "Bild" einfach 400 getötete Terroristen — und die anderen Opfer zählen nicht.

PS: Den Ursprung des ganzen Konfliktes hat die "Bild"-Zeitung ihren Lesern bereits am 30. Dezember 2008 erklärt, und das sogar ganz ohne lästige geschichtliche Hintergründe:

WOHER KOMMT DIESER HASS AUF DIE JUDEN UND IHREN STAAT?

Ein Grund ist: Israel ist ganz anders als alle seine Nachbarn – eine Demokratie, die einzige der Region. Weltoffen, lebenslustig, modern, erfolgreich, Frauen sind gleichberechtigt. Das schafft Neid. Gerade bei denen, die nichts haben.

So einfach ist das.

Mit Dank an Tilman D. und Michael K.

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Kehraus 2008

… und wieder ist es an der Zeit, schnell noch ein wenig Gerümpel wegzuräumen, das während unseres Winterschlafs liegengeblieben ist.

Denn dass Dieter Althaus kein "CSU-Ministerpräsident" ist, hat man bei "Bild" inzwischen immerhin selbst gemerkt. Ob Britney Spears, wie Bild.de behauptet, wirklich über Weihnachten in Indien war, ist zumindest fraglich; so fraglich wie die Bild.de-Behauptung, DJ Tommek DJ Tomekk habe 2007 "auf RTL" mit einem Hitlergruß geschockt. (Soweit wir uns erinnern, schockte "Bild" damit.) Doch wenn es auf Bild.de heißt…

"Sexy Schlamm-Grätschen - Der schärfste Kick des Jahres als Video"

Pünktlich zum Jahresende in der bundesligafreien Zeit begeistert uns die US-Sportseite dbbsports.com mit dem heißesten Kick des Jahres!

… dann wollen wir an der Begeisterung der Bild.de-Redaktion nicht zweifeln. Die 14-teilige Screenshot-Galerie zum Thema und eine Bild.de-Version des Videos ("Es ist das schärfste Fußballspiel des Jahres, was das amerikanische Sport-Portal dbbsports.com seinen Lesern zum Ende des Jahres beschert!") sprechen für sich. Weshalb wir nur mal kurz darauf hinweisen wollen, dass es sich, wenn überhaupt, um den schärfsten/heißesten Kick des Jahres 2007 handelt – genauer: um ein vor anderthalb Jahren veröffentlichtes Musikvideo, das nun von dbbsports.com bloß wiederverwertet wurde.

Und dann war da noch der Versuch der "Bild"-Zeitung, eine "Spiegel"-Geschichte zu entkräften, die den Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier in Schwierigkeiten brachte. Im "Spiegel" hatte der ehemalige US-General James Marks gesagt, dass zwei deutsche Geheimagenten im Irak-Krieg den Amerikanern mit Wissen des Kanzleramtes wertvolle Informationen für ihre Kriegsführung geliefert hätten. Eine solche "aktive Unterstützung" hat Steinmeier, der das Kanzleramt damals leitete, immer bestritten.

Rolf Kleine, Leiter des "Bild"-Hauptstadtbüros und so etwas wie Pressesprecher, Schönfärber und Ausputzer für Steinmeier, veröffentlichte daraufhin in "Bild" und auf Bild.de einen Artikel, in denen er dem "Spiegel" vorwarf, "offenbar einem bezahlten Propagandisten des Pentagon aufgesessen" zu sein. Marks Aussagen seien deshalb nicht ernst zu nehmen. Kleine nahm damit exakt die Verteidigung Steinmeiers am selben Tag vor dem Bundestags-Untersuchungsausschuss zur Rolle der BND-Agenten vorweg (und erklärte schon vorab: "Jetzt deutet alles darauf hin, dass der SPD-Kanzlerkandidat unbeschadet aus der Affäre herauskommt").

Auf den "Bild"-Artikel antwortet in der aktuellen Ausgabe nun wieder der "Spiegel" — mit einem "Münchhausen-Test". Unter Berufung auf detaillierte Aussagen mehrerer Journalisten, des Pentagons und von Marks selbst kommt der "Spiegel" zu dem nüchternen Ergebnis: "Es finden sich keine Belege, dass Marks ein 'bezahlter Propagandist' des Pentagon ist."

Mit Dank an diverse Hinweisgeber und kleinefragen.de.

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Recherchieren Sie mit!

– Von Peter Knorr und Elsemarie Maletzke –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin "Pardon" mit einem 12-seitigen "Sonderdruck" zur "Bild"-Zeitung, aus dem wir unter dem Titel "BILDblog vor 40 Jahren" in den vergangenen Tagen (mit herzlichem Dank an den Ex-"Pardon"-Macher Gerhard Kromschröder!) wesentliche Teile dokumentieren durften.

Zum Abschluss (und bevor wir morgen wieder aus unserem alljährlichen Winterschlaf zurückkehren und uns wie gehabt über sachdienliche Hinweise freuen) gibt's heute noch einige "Arbeitshilfen" der "Pardon"-Redaktion für die Suche nach der Wahrheit in "Bild".

Aber auch da scheint es, als hätte sich über die Jahre bei "Bild" nicht wirklich viel geändert…

Wenn Sie schon Springers BILD lesen – jeder macht mal was Dummes – dann ärgern Sie sich nicht hinterher und sagen "Sowieso alles erstunken und erlogen!", sondern schaun Sie doch mal genauer hin! (…) Aber Vorsicht! Übernehmen Sie sich nicht! (…) Suchen Sie erst mal nach dem berühmten Körnchen Wahrheit. Bei all den Vergewaltigungen, Studentendemonstrationen, Raubüberfällen, Politikerworten, Geheimdokumenten, Selbstmorden und Boenisch-Kommentaren, da muß doch mal was Wahres dransein!

Hier ein paar Tips aus unserer BILD-Erfahrung:

  • In Schlagzeilen und Vorspännen ist die Suche nahezu hoffnungslos!
  • Suchen Sie nach Zitaten!
    Steht die wörtliche Rede nicht in Anführungszeichen? Dann hat sich BILD nicht getraut, das verdrehte Zitat seinem Urheber wieder zuzusprechen.
    Wenn dahinter ein voller Name steht, kommt es vor, daß das Zitat stimmt. Ein schöner Fund!
    Steht dagegen eine Abkürzung ("Herr K. aus B.") bei dem Zitat, so dient das dem Schutz der Persönlichkeit, gleichgültig, ob diese frei erfunden ist oder nicht.
  • Nicht jede Abkürzung ist erfunden! Es gibt ganze Stories, in denen nur die Abkürzungen stimmen.
  • Es gibt BILD-Geschichten, an denen was Wahres* dran ist. (…) Finden Sie in BILD etwa die Nachricht, dass bei Ihrem Nachbarn Herrmann Kuffler der Weihnachtsbaum, die Gardinen sowie das Kleinkind verbrannt sind, obwohl der Mann kinderlos und über Weihnachten auf Mallorca ist, so sollten Sie immerhin positiv registrieren, daß Adresse sowie Vor- und Nachname richtig vermeldet sind. Immer, wenn Sie so auf ein Körnchen Wahrheit stoßen, haben Sie etwas Seltenes, Rares gefunden.
  • Wenn Sie und Ihre Familie in einem Bericht vorkommen, wissen Sie ohnehin, was erstunken und erlogen ist.

*) Was dabei nicht zählt: Toto- und Lotto-Zahlen und Sportereignisse. Auch das jeweilige Erscheinungsdatum und das Impressum dürfen als wahr unterstellt werden. Und schließlich stimmt der Wetterbericht auch in anderen Zeitungen manchmal.

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Eigentor made by BILD

Déjà Vu?

Im August 1970 erschien das Satiremagazin "Pardon" mit einem 12-seitigen "Extra" zur "Bild"-Zeitung. Den "Pardon"-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere "Stern"-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem "Pardon Extra" erfahren zu haben) ging es in ihrem "Sonderdruck" vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft "Bild" auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und "BILD-Lügen" zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der "BILD-Lügen" aus dem "Pardon" von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei "Bild" nicht wirklich viel geändert…

"Fußballer vom Blitz erschlagen"

"Seine Länge wurde sein Verhängnis"
 
Lesen Sie morgen: Hilfreiche Tipps der "Pardon"-Redaktion für die Suche nach der Wahrheit in "Bild" ("Was dabei nicht zählt: Toto- und Lotto-Zahlen"). Die BILDblogger erwachen derweil – wie üblich – allmählich wieder aus ihrem Winterschlaf.

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Der böse Inspektor und die liebe BILD-Zeitung

– Von Elsemarie Maletzke –

Déjà Vu?


Im August 1970 erschien das Satiremagazin "Pardon" mit einem 12-seitigen "Extra" zur "Bild"-Zeitung. Den "Pardon"-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere "Stern"-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem "Pardon Extra" erfahren zu haben) ging es in ihrem "Sonderdruck" vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft "Bild" auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und "BILD-Lügen" zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der "BILD-Lügen" aus dem "Pardon" von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei "Bild" nicht wirklich viel geändert…

Erst erschreckte BILD am 8. August seine Leser mit einem bösen Mann:

Ein sturer Beamter vom Jugendamt Hannover hat einem Jungen verboten, mit seiner Mutter Ferien zu machen!

Dann weckte BILD Mitleid:

… Franziska W. (23) aus Hannover hatte ihren Sohn Thomas (3) in ein Kinderheim gegeben … An jedem Wochenende holte Franziska W. den Jungen nach Hause. Nie hatte es dabei Schwierigkeiten gegeben. Jetzt wollte Franziska W. ihren Thomas mit in den Urlaub nehmen. Aber der Sozialinspektor Günter Wicke (30) schickte die junge Frau wieder fort: Er bleibt im Heim. Es reicht, wenn die Mutter ihr Kind einmal in der Woche sieht.

Und dann bewies BILD wieder einmal Herz:

Erst als sich BILD einschaltete, gab das Jugendamt gestern grünes Licht für die gemeinsamen Ferien.

Diese Geschichte ist so herzig, daß BILD sie einfach bringen musste. Obwohl sie falsch ist und obwohl BILD dies auch wußte. Denn die Sache hatte sich ganz anders abgespielt.

Inspektor Wicke zu PARDON: Das Jugendamt könne grundsätzlich nicht verbieten, daß die Mutter ihr Kind mit in Urlaub nehme. Wicke: "Ich habe weder ein Verbot der Beurlaubung ausgesprochen, noch habe ich gesagt 'Er bleibt im Heim, es reicht, wenn die Mutter ihr Kind einmal in der Woche sieht'." Das Jugendamt frage in Urlaubsfällen lediglich, wohin es gehe, wie lange, wer das Kind versorge, ob der Heimplatz reserviert bleiben solle.

Um diese Fragen mit Franziska W. zu klären, hatte Wicke die Mutter angerufen, die im Heim auf das Kind wartete. Franziska W., die ihren Sohn sonst ohne Formalitäten mit ins Wochenende nehmen durfte, brach verschreckt das Gespräch ab, in der Annahme, das Amt wolle das Kind nicht beurlauben.

Auf eine schriftliche Einladung der Behörde erschien sie gemeinsam mit BILD-Reporter Ulrich Berger, den sie in Angst und Sorge alamiert hatte. Im Jugendamt klärte sich das Mißverständnis jedoch auf. Stadtoberamtmann Sensmeyer, der Leiter der Abteilung Vormundschaften und Pflegeschaften: "Herr Berger sah, daß er hier mit einem anderen Sachverhalt als erwartet zu tun hatte."

Franziska W. fuhr mit Thomas in Urlaub. Berger setzte sich an die Schreibmaschine und tippte. Dann stand in BILD:

Sie wollen mit ihrem Kind in den Urlaub? Kommt nicht in Frage!

Und dann dachte Berger sich noch das schöne Zitat vom kategorischen Sozialinspektor aus:

Das Kind bleibt im Heim …

Sensmeyer: "Wie Herr Berger nach dem klärenden Gespräch im Amt diese Behauptung aufrechterhalten konnte, obwohl er gemerkt hatte, daß es sich um ein Mißverständnis handelte, das ist mir unerfindlich!"

Uns auch.
 
Lesen Sie morgen: Wie "Bild" sich selber einer Lüge überführte. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

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Mit Absicht ungenau (2)

– Von Wilhelm Genazino –

Déjà Vu?

Im August 1970 erschien das Satiremagazin "Pardon" mit einem 12-seitigen "Extra" zur "Bild"-Zeitung. Den "Pardon"-Machern (darunter Eckhard Henscheid, Wilhelm Genazino, Peter Knorr – und der spätere "Stern"-Redakteur Gerhard Kromschröder, der wie Günter Wallraff u.a. mit Undercover-Reportagen für Aufsehen und Skandale sorgte und dem wir es verdanken, überhaupt von diesem "Pardon Extra" erfahren zu haben) ging es in ihrem "Sonderdruck" vorrangig darum, humorvoll und doch ernsthaft "Bild" auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und "BILD-Lügen" zu entlarven; ungefähr das also, was – knapp 40 Jahre später – auch wir versuchen…

Wir dokumentieren (mit herzlichem Dank an Kromschröder!) jeden Tag eine der "BILD-Lügen" aus dem "Pardon" von damals.

Es scheint, als hätte sich über die Jahre bei "Bild" nicht wirklich viel geändert…

Es gibt eine besondere Spezies von BILD-Artikeln: sie brillieren mit einem hohen Grad von Unwahrscheinlichkeit und Kuriosität. Dementsprechend fehlen in den Berichten fast alle konkreten Daten wie z.B. Zeitangaben oder Namen der Personen. So sichert sich BILD vor Nachprüfungen von erfundenen oder halberfundenen Geschichten.

Ein Beispiel von vielen:

[...] Am 21. Juli brachte BILD die Story: "Chef entließ Sex-Protz". In der Geschichte ging es um einen Angestellten der Städtischen Sparkasse Köln, dem gekündigt worden sei, weil er mit permanenten Erzählungen aus seinem Liebesleben den Betrieb aufgehalten habe.

Ergebnis der PARDON-Recherchen:

  • Der Sprecher der Personalabteilung der Städtischen Sparkasse Köln: "Das hat sich ganz bestimmt nicht bei uns zugetragen. Ein derartiger Fall ist mir nicht bekannt, und ich müßte es eigentlich wissen, denn wir sind auch für die Filialen zuständig."

Zur Sicherheit rief PARDON auch bei der Kölner Kreissparkasse an.

  • Ergebnis: "Der Fall ist total unbekannt."
  • Und auch die Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen in Köln, die sich berufsmäßig mit gekündigten Angestellten aus der Branche befaßt, kann nur passen: "Der Fall ist uns nicht bekannt."

 
Lesen Sie morgen: Wie "Bild" einer jungen Mutter zum Urlaub mit ihrem Sohn verhalf – oder auch nicht. Die BILDblogger sind derweil – wie üblich – noch im Winterschlaf.

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